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Shanghai: Das "echte" China

05 Das echte China senkrecht

Ich liebe es, mit Metro, Bus oder Fahrrad loszufahren in irgendeine Ecke der Stadt und mich dort umzusehen. Und eine meiner Lieblingsbeschäftigungen auf diesen Erkundungstouren ist es, durch die Gassen zu streifen, in denen noch das „echte“ China zu Hause ist. Es sind die „lilongs“, enge Reihenhaussiedlungen mit zwei- bis dreigeschossigen Gebäuden, die es mir angetan haben und die noch in vielen Ecken Shanghais zu finden sind. Zum Teil stammen diese schon aus den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts, erbaut für die Arbeiter der Baumwoll- und Textilfabriken, die zu dieser Zeit am Ufer des Huangpu florierten. Zahlreiche von ihnen sind sie heute vom Abriss bedroht oder bereits vom Stadtplan verschwunden, aber in vielen Fällen hat man sich auch besonnen und sie sogar unter Denkmalschutz gestellt.

Teilweise leben die Menschen hier wirklich unter allereinfachsten Bedingungen – gekocht wird auf einem Gaskocher vor dem Haus, im Eingangsbereich oder im kombinierten Wohn- und Schlafraum, gewaschen auf Waschbrettern oder mit einfachen Kaltwassermaschinen, und für die persönliche Hygiene sucht man die zentralen Badehäuser auf. Zwischen den Häusern hängt die Wäsche auf Bambusstangen und ein Kabelgewirr sowie verführerische Essensgerüche ziehen sich durch die Gassen. Trotz der Bescheidenheit der Verhältnisse wollen viele Menschen hier nicht weg. Weil sie immer schon hier gelebt haben, weil hier noch Nachbarschaft gepflegt wird, weil sie sich von der Enge der Gassen geschützt fühlen und das Leben einfach etwas langsamer von Statten geht.

Und dies sind auch die Momente, in denen ich am meisten bereue, kein Chinesisch sprechen zu können. Denn die Menschen sind hier oft sehr aufgeschlossen und freundlich und schon wenige Worte würden genügen, um sich in einer Traube von Anwohnern wiederzufinden und die ein oder andere persönliche Geschichte zu erfahren.

 


 

Das Lingua-Team ist bekanntermaßen reisefreudig, und so hat es Claudia aus dem Admin-Team mit ihrer Familie für eine längere Zeit nach Shanghai verschlagen. Von dort berichtet sie künftig regelmäßig in unserer Rubrik wikiLINGUA über ihre Eindrücke aus der spannenden und wohl westlichsten Metropole Chinas.

29.11.2018